Alexander von Wiedenbeck | HOPE - a charity exhibition by Alexander von Wiedenbeck
Es lässt sich in einem Satz sagen, dass dies die bislang und mit Abstand schrecklichste und zugleich schönste Reise meines Lebens war. Schrecklich auf der einen Seite wegen der katastrophalen, gar surrealen Lebensumstände der Kinder auf den Philippinen. Auf der anderen Seite haben die Kinder mein Herz weit mehr geöffnet, als ich es je für möglich gehalten hätte. Die Hoffnung, der Glaube und die Liebe dieser Kinder ist viel größer als die Welt, in der sie leben.
Alexander von Wiedenbeck, Reportage, Charity, Philippinen, Kinder in Not, Exhibition, Fotoausstellung, Bildband, Fotografie, Leica, das Wesentliche, Essentials, Monochrom
540
portfolio_page-template-default,single,single-portfolio_page,postid-540,ajax_fade,page_not_loaded,,qode-title-hidden,paspartu_enabled,paspartu_on_bottom_fixed,vss_responsive_adv,qode-content-sidebar-responsive,qode-child-theme-ver-1.0.0,qode-theme-ver-10.1.1,wpb-js-composer js-comp-ver-5.0.1,vc_responsive
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography

HOPE – BY ALEXANDER VON WIEDENBECK

 

Es lässt sich in einem Satz sagen, dass dies die bislang und mit Abstand schrecklichste und zugleich schönste Reise meines Lebens war. Schrecklich auf der einen Seite wegen der katastrophalen, gar surrealen Lebensumstände der Kinder auf den Philippinen. Auf der anderen Seite haben die Kinder mein Herz weit mehr geöffnet, als ich es je für möglich gehalten hätte. Die Hoffnung, der Glaube und die Liebe dieser Kinder ist viel größer als die Welt, in der sie leben.

 

„Man sagte mir es sei eine andere Welt, doch ich antwortete, nein, es ist dieselbe!“

 

Aber gehen wir zurück zum Anfang. Es war der Gedanke, etwas zurückzugeben. Bei all den zahlreichen Werbeproduktionen, den Modestrecken, den Portraits rund um den Globus habe ich viel erlebt und viel gesehen… zumeist nur Gutes. Ich habe inspirierende Menschen getroffen, magische Orte bereist und intensive Momente erlebt. Die Welt hat mir viel gegeben und es war nun an der Zeit, sich zu revanchieren. Doch wie, wo und vor allem bei wem? Zehn deutsche Hilfsorganisationen hatte ich daher angeschrieben und meine Unterstützung angeboten und viel mehr noch, meine Vision in den Raum gestellt von einem Pionierprojekt der sozialen Verantwortung innerhalb der Fotografie. Nach zahlreichen Gesprächen, Überlegungen und beim Vergleich der knallharten Fakten, fiel meine Wahl dann auf die Aktionsgruppe Kinder in Not e.V. aus Windhagen mit ihren Projekten auf den Philippinen. Friedhofskinder, Müllkippenkinder, Zwangsprostitution von Kindern waren dabei die Begriffe, welche mich erstarren ließen und mich dazu bewegt hatten, hier zu beginnen.

Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography

Nun, der erste Schritt war getan, das Projekt steht – doch wie geht’s weiter? Wie sollte man sich auf die Reise vorbereiten, körperlich mit Impfungen et cetera… oder, die viel wichtigere Frage, mental? Schließlich möchte man meinen, dass einen einiges erwartet, wenn man von Kindern auf Friedhöfen und Müllkippen hört. Selbstverständlich informiert man sich im Vorfeld, liest Berichte, sieht Reportagen darüber… aber nun, im Nachhinein betrachtet, hätte es nichts gegeben, was mich tatsächlich auf diese Reise hätte vorbereiten können. Wenn man erst mal inmitten des Sumpfes aus Müll, Ratten, abgemagerten und erkrankten Hunden steht und dann in einem Bretterverschlag, gerade mal 2×2 Meter, ein kleines Mädchen, weinend und umzingelt von Fliegen vor einem steht… was will man sich da vorbereiten und wie könnte man sich überhaupt anmaßen, dass man sich auf so etwas vorbereiten könnte.

 

„Unvorstellbar – das Leben in einem Verschlag von gerade mal 2×2 Meter – tagein tagaus.“

 

Und doch, ich habe meine Mission und muss daher funktionieren als derjenige, der ich bin… der Fotograf, der vermeintliche Voyeur, der das Unmittelbare realisiert und festhält, ohne dabei zu interagieren, ohne zu verändern. Und was sollte man auch verändern, einem weinenden Kind sagen „Bitte lächeln, hier kommt das Vöglein“?… Schwachsinn! Der Moment war da, in seiner vollen und gnadenlosen Härte, ungeschönt… also halte ich drauf und drücke den Auslöser!

 

Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography

Ich erinnere mich noch gut an einen der ersten Abende in Cebu City, zusammen mit meinen Reisebegleitern von der Aktionsgruppe saß ich bei ihnen im Hotel zum Abendessen und wir sprachen über die Erlebnisse des Tages oder besser gesagt, wir verarbeiteten selbige. Der Weg zurück zu meinem Hotel führte mich danach ca. 500 m durch die Innenstadt. Zuletzt überquerte ich eine große, stark befahrene Kreuzung kurz vor meinem Hotel, als ich auf dem Gehsteig die Gestalt eines kleinen Menschen erkennen konnte. Ich ging darauf zu und tatsächlich war es ein kleines Mädchen, kaum fünf Jahre alt, welches in kurzer Hose, T-Shirt und ohne Schuhe auf dem Gehsteig lag, mit dem Kopf in Richtung des starken Gefälles ohne Kissen oder Ähnlichem. Im Scheinwerferlicht der vorbeifahrenden Autos sah man die starken Rauchwolken der ungefilterten Abgase, welche über sie hinwegzogen.

 

„Alle Menschen, alle Kinder haben eines gemeinsam – ihr Recht zu leben, ihr Recht zu existieren!“

 

Wie erstarrt stand ich sicherlich eine halbe Stunde neben dem schlafenden Mädchen und überlegte mir die Optionen. Wen könnte man anrufen, die Polizei oder einen Krankenwagen, vermutlich eher nicht, was sollten sie auch tun. Wer kann einem in so einer Situation helfen? In der Not wandte ich mich an den Sicherheitsdienst meines Hotels, der mich nicht unweit bereits beobachtet hatte. Ich fragte ihn, ob er das Mädchen kennen würde und wo die Eltern seien. Er sagte, sie ist obdachlos und ihre Eltern sind vermutlich unterwegs, Pfandflaschen sammeln oder Ähnliches. Auf mein weiteres Drängen, was wir denn tun könnten, zuckte er nur mit den Schultern. Ich ging also wieder zurück zu dem Mädchen, wo sich mittlerweile ein Amerikaner mit seiner kleinen Tochter eingefunden hatte. Er hatte das Mädchen auch gesehen und wollte seiner Tochter zeigen, dass sie/wir dankbar für unsere Umstände in der westlichen Welt sein dürfen. Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile über das Mädchen und was wir tun könnten. Für einen Augenblick hatte ich sogar überlegt, dem Mädchen ein Zimmer im Hotel zu buchen, damit sie mal in einem richtigen Bett schlafen und duschen oder baden konnte… aber was mache ich dann am nächsten Tag? Und wie wir da so standen und überlegten, trat ein anderer Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes an uns heran. Er leuchtete die Kleine mit der Taschenlampe von oben bis unten an, trat mit dem Fuß gegen das Mädchen um sie zu wecken und scheuchte sie dann davon. Unter der gegenüberliegenden Brücke inmitten der Straßenkreuzung sah ich im Dunkeln nur noch ihre Silhouette, wie sie sich dort erneut zum Schlafen auf den Boden legte. Schockiert, verwirrt und tatsächlich ungläubig, was gerade geschehen war, fragt ich den Mann, ob das jetzt besser sei, er zuckte nur mit den Schultern wie sein Vorgänger und meinte in gebrochenem Englisch, „what should we do?“. Und in diesem Moment dachte ich: Er hat recht, was sollen wir machen? Den Rest der Nacht verbrachte ich schlaflos.

Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography

Am darauf folgenden Tag ging die Reise weiter zu den Friedhofskindern von Cebu City. Man könnte versuchen, deren ebenso schrecklichen Umständen noch etwas Positives abzuverlangen, da sie im Unterschied zu dem kleinen Mädchen zum Schlafen wenigstens ein Dach über dem Kopf haben. Doch unter dem Dach eines ausgeräumten Grabes auf dem Staub der einst dort begrabenen Leichen zu liegen, ist nicht wirklich ein besserer Umstand. Noch heute läuft mir ein Schauer über den Rücken, wenn ich daran denke, wie erschrocken ich war, als plötzlich ein kleines Mädchen hoch oben auf den Grabwänden herbeigelaufen kam. Die Grabwand, geschätzte fünf Meter hoch und hundert Meter lang und dann dieser kleine Mensch, kaum einen Meter groß, wie sie da oben so selbstverständlich stand. Auf den Philippinen sicherlich kein seltenes Bild, doch mir ging das in diesem Moment tief in die Knochen. Noch zitternd vor Schock griff ich sofort zur Kamera. Was ich jedoch erst später, zurück in Deutschland im Atelier auf einem vergrößerten Print erkannte war noch viel schrecklicher, denn es handelte sich bei den Gräbern ausnahmslos um Kindergräber, keines kaum älter geworden als zwei Jahre. Das kleine Mädchen stand buchstäblich auf einer für sie unmittelbar möglichen Zukunft.

 

„Das Leben ist ein kostbares Geschenk – jeder sollte die Möglichkeit erhalten, das Beste daraus zu machen!“

 

Und doch, inmitten dieser Hölle auf Erden konnte man sie immer wieder in der Gegenwart der Kinder spüren und in ihren leuchtenden Augen sehen – Hoffnung! Sie haben Hoffnung auf ein besseres Leben, eine bessere Zukunft und dieser unerschütterliche Glaube treibt sie an und gibt ihnen Kraft. Ich sah Kinder, die in einem Sumpf aus Krankenhausabfällen nach Verwertbarem suchten, um für ihre Familien Geld zu verdienen. Auch waren die Kids durchwegs wissbegierig, sie saßen zwischen Grabsteinen mit Schulbüchern und lernten für eine gute Ausbildung, um vielleicht eines Tages die Chance zu bekommen, mehr aus ihrem Leben zu machen.

Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography

 „Es ist nicht leicht an seinen Träumen festzuhalten – doch sie können unsere größte Motivation sein!“

 

Wenn ich jetzt rückblickend ein Resümee schließen müsste, ob die Hoffnung berechtigt ist und sich eines Tages bewahrheiten wird, dann ist die Antwort in jedem Fall – Ja. Zunehmend gegen Ende unserer Reise besuchten wir jene Projekte, bei welchen sich die Aktionsgruppe bereits seit vielen Jahren, oft seit Jahrzehnten engagiert. Es war wirklich wundervoll zu sehen, wie die harte Arbeit der Hilfsorganisation hier bedeutende Früchte trägt. Die Schulen haben hier schon Rechtsanwälte und Ärzte hervorgebracht und jeder dieser kleinen, großen Helden wird dort prominent gefeiert. Mit großen Transparenten vor den Schulen erinnern sie die Kleinen tagtäglich daran, was möglich ist und motivieren sie nicht aufzugeben. Auch die Landwirtschaft in der Provinz Alegria wurde Dank der Aktionsgruppe effektiver gestaltet und ist heute ertragreicher als noch vor vielen Jahren. Und wenn man sieht, wie vielen Menschen und vor allem Kindern in den Gesundheitszentren der Hilfsorganisation geholfen wird, kann man ohne Skrupel behaupten, dass hier wirklich zahlreiche Leben gerettet wurden, welche eigentlich, durch ihre früheren Lebensumstände, zum Tode verurteilt gewesen wären.

Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography

Noch während meiner Abreise zurück nach Deutschland sollte ich erfahren, wie sehr mich diese Erlebnisse dort geprägt haben. Dekadenter Weise und aufgrund der Tatsache, dass ich am Tag meiner Rückkehr in Deutschland für einen Kundenauftrag unmittelbar im Studio erwartet wurde, schien es mir anfangs eine gute Idee zu sein, ein Ticket für die Business Class zu buchen. Doch als ich dann in diesem riesigen Flugzeug saß, die Sitze rechts und links neben mir ungenutzt, überkamen mich die neu erlangten Impressionen auf einen Schlag und es war mir nicht mehr möglich, Trauer, Wut und Selbstzweifel zu unterdrücken… Noch nie zuvor hatte ich mein eigenes Leben, mein Dasein und mein Schaffen so sehr hinterfragt wie in diesem Moment.

Vor meiner endgültigen Ankunft in München hatte ich noch einen mehrstündigen Aufenthalt am Flughafen in Frankfurt. Ich saß dort in einem kleinen Café und beobachtete die Menschen. Dabei wurde mir zum ersten Mal so richtig bewusst, in was für einem Hamsterrad wir uns eigentlich befinden. Banker, Stewardessen, Touristen, sie alle strömten gehetzt von A nach B – immer unter großem Zeitdruck. Sollten sie doch noch wenige Minuten haben, schlendern sie zielstrebig in die nächste Boutique um dort Dinge zu kaufen, die sie zum einen gar nicht benötigen oder zum anderen bereits mehrfach besitzen. Und dabei ist niemand in der Stimmung, vielleicht ein freundliches Lächeln oder ein Hallo zum besten zu geben. Wie konnte das sein, hier in Deutschland, wo es uns nun wirklich an nichts mangelt und wir mehr als genug von allem haben, laufen wir wie ferngesteuert durchs Leben. Und um dem noch eins drauf zu setzen, sind wir auch noch zumeist unzufrieden. Dort am anderen Ende der Welt, wo die Menschen wirklich nichts besitzen und sich die Kinder bereits über eine Zahnbürste irrsinnig freuen und dankbar sind, dort in diesem vermeintlichen Armageddon, schenken einem die Menschen immer ein Lächeln und sind stets positiv gestimmt. Das ist doch grotesk.

Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography

Zurück im Studio wurde ich von meinen Mitarbeiterinnen natürlich sofort befragt, wie es denn war, was ich erlebt hatte… doch ich konnte nicht antworten, es war mir noch nicht mal möglich auszusprechen, dass ich nicht darüber sprechen wollte. Fast einen Monat hatte es gedauert, bis ich mich wieder gefangen hatte. Meine Gedanken und Überlegungen waren unentwegt auf den Philippinen und die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach Gerechtigkeit war noch nie präsenter als nach dieser Reise. Wie sollte es weitergehen? Was fange ich mit meinen Leben an nach diesen Erlebnissen? Kann ich so weitermachen wie zuvor?

 

„Ich denke wir haben uns gegenseitig inspiriert und durch die Kinder sah ich mich selbst in einem neuen Licht!“

 

Jetzt, wie ich hier in einer klimatisierten Lobby eines Hotels sitze, beim Verfassen dieser Zeilen, da ist es nicht mehr die Trauer und Wut, welche ich empfinde – vielmehr ist es Dankbarkeit. Dankbarkeit um das Wissen der Umstände dieser Kinder. Dankbarkeit, eine solche Hoffnung und Menschlichkeit gespürt und erfahren zu haben und Dankbarkeit für meine Möglichkeiten und die Chance etwas Großartiges auf den Weg zu bringen. Und das lässt mich wieder zurückkehren zum Anfang dieser Geschichte und meinem Gedanken etwas zurückzugeben. Ich möchte meine Erlebnisse, meine Geschichte mit der Welt teilen und durch meine Bilder einen Blick und ein Gefühl dafür geben, wie schrecklich, aber zugleich wie herzlich und hoffnungsvoll das Leben dieser Kinder auf den Philippinen ist. „We are the world, we are the children“ schrieben Michael Jackson und Lionel Richie einst in einem Song, den wir alle sicherlich kennen. Und genau so ist es, wir alle waren einst Kinder und wir alle haben oder werden eines Tages selbst Kinder haben. Sie sind nicht nur unsere persönliche Zukunft, sondern die Zukunft der Menschheit – daher sollte es uns allen eine Herzensangelegenheit sein, ihnen durch unsere Aufmerksamkeit und unser Vertrauen in sie ein klein wenig Hoffnung zu schenken.

 

Die ganze Geschichte und weitere Fotografien im Ausstellungskatalog HOPE – by Alexander von Wiedenbeck.

Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Alexander von Wiedenbeck - Fashion and Reportage Photography
Date
Category
Reportage, Deep Sense